Sensorik & MesstechnikIndustrial AI & Smart ManufacturingGrundlagen & Glossar24.07.2026 8 Min. Lesezeit· Redaktion AI Sensor World

Predictive Maintenance: Wie Sensoren und AI Wartung vorausschauend machen

Predictive Maintenance bezeichnet eine vorausschauende Instandhaltungsstrategie. Dabei werden Maschinen und Anlagen kontinuierlich überwacht, um Verschleiß, Abweichungen und mögliche Ausfälle möglichst früh zu erkennen.

Im Unterschied zu starren Wartungsintervallen richtet sich Predictive Maintenance nicht nur nach Betriebsstunden oder Kalenderdaten. Entscheidend ist der tatsächliche Zustand einer Maschine.

Sensoren erfassen dafür beispielsweise Schwingungen, Temperaturen, Geräusche, Drücke oder Stromaufnahmen. AI- und Machine-Learning-Verfahren analysieren diese Daten und suchen nach Mustern, die auf eine bevorstehende Störung hinweisen.

Ziel ist es, Wartung genau dann durchzuführen, wenn sie technisch sinnvoll ist: nicht zu früh, aber auch nicht zu spät.

Was bedeutet Predictive Maintenance?

Der Begriff lässt sich mit „vorausschauende Instandhaltung“ übersetzen.

Das zentrale Prinzip lautet:

Eine Maschine wird nicht erst repariert, wenn sie ausgefallen ist. Sie wird auch nicht ausschließlich nach einem festen Zeitplan gewartet. Stattdessen wird ihr Zustand fortlaufend bewertet und die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Problems abgeschätzt.

Ein Predictive-Maintenance-System kann beispielsweise erkennen, dass:

  • ein Lager zunehmend verschleißt,

  • ein Motor ungewöhnlich heiß wird,

  • eine Pumpe ihr Schwingungsverhalten verändert,

  • ein Getriebe auffällige Geräusche erzeugt,

  • der Energieverbrauch einer Anlage langsam ansteigt,

  • ein Prozess häufiger außerhalb des Normalbereichs arbeitet.

Solche Veränderungen treten oft auf, bevor ein vollständiger Ausfall entsteht.

Wie unterscheidet sich Predictive Maintenance von anderen Wartungsstrategien?

In der Instandhaltung werden mehrere grundlegende Strategien unterschieden.

Reaktive Wartung

Bei der reaktiven Wartung wird eine Komponente erst nach ihrem Ausfall repariert oder ersetzt.

Dieser Ansatz kann bei günstigen, unkritischen Bauteilen sinnvoll sein. Bei wichtigen Maschinen kann er jedoch zu ungeplanten Stillständen, Folgeschäden und hohen Kosten führen.

Präventive Wartung

Präventive Wartung erfolgt nach festen Intervallen.

Ein Bauteil wird beispielsweise nach einer bestimmten Anzahl von Betriebsstunden ausgetauscht, unabhängig davon, ob es tatsächlich verschlissen ist.

Das reduziert das Ausfallrisiko, kann jedoch dazu führen, dass funktionsfähige Komponenten zu früh ersetzt werden.

Zustandsbasierte Wartung

Bei der zustandsbasierten Wartung wird der aktuelle Zustand einer Maschine überwacht.

Eine Wartung wird ausgelöst, wenn ein Messwert einen definierten Grenzwert überschreitet.

Predictive Maintenance

Predictive Maintenance geht darüber hinaus.

Das System bewertet nicht nur den aktuellen Zustand, sondern versucht vorherzusagen, wie sich dieser Zustand entwickeln wird.

Es beantwortet daher nicht nur die Frage:

Ist die Maschine aktuell noch in Ordnung?

Sondern auch:

Wie lange kann sie voraussichtlich noch zuverlässig betrieben werden?

Wie funktioniert Predictive Maintenance?

Ein typisches System arbeitet in mehreren Schritten.

1. Datenerfassung

Sensoren erfassen kontinuierlich oder in festen Abständen den Zustand einer Maschine.

Typische Messgrößen sind:

  • Schwingung,

  • Temperatur,

  • Druck,

  • Durchfluss,

  • Strom,

  • Spannung,

  • Drehzahl,

  • Geräusch,

  • Kraft,

  • Drehmoment,

  • Schmierstoffzustand.

Zusätzlich können Daten aus Maschinensteuerungen, Wartungssystemen und Produktionssoftware verwendet werden.

2. Datenübertragung

Die Messdaten werden an ein lokales Edge-System, ein Gateway, einen Server oder eine Cloud-Plattform übertragen.

Zeitkritische Analysen finden häufig direkt an der Maschine statt.

Langfristige Auswertungen können zentral durchgeführt werden.

3. Datenaufbereitung

Rohdaten enthalten oft Rauschen, Messfehler oder Lücken.

Sie müssen deshalb:

  • gefiltert,

  • synchronisiert,

  • normalisiert,

  • verdichtet,

  • mit Betriebszuständen verknüpft

werden.

Ein Schwingungswert ist beispielsweise nur dann sinnvoll interpretierbar, wenn auch bekannt ist, bei welcher Drehzahl und Belastung die Maschine gearbeitet hat.

4. Merkmalsextraktion

Aus den Rohdaten werden relevante Kennwerte berechnet.

Bei Schwingungsdaten können dies beispielsweise sein:

  • Mittelwerte,

  • Spitzenwerte,

  • Frequenzanteile,

  • Energieverteilung,

  • statistische Kennzahlen,

  • charakteristische Muster.

Diese Merkmale helfen dabei, Veränderungen im Maschinenzustand zu erkennen.

5. Modellierung

Anschließend wird ein Modell entwickelt.

Dieses kann auf festen Regeln, statistischen Verfahren oder Machine Learning basieren.

Das Modell lernt beispielsweise:

  • wie sich eine gesunde Maschine verhält,

  • welche Muster auf Verschleiß hinweisen,

  • welche Kombinationen von Messwerten problematisch sind,

  • wie schnell sich ein Defekt entwickelt.

6. Prognose

Das System bewertet den aktuellen Zustand und schätzt die zukünftige Entwicklung.

Mögliche Ergebnisse sind:

  • normaler Betrieb,

  • beginnende Abweichung,

  • erhöhte Ausfallwahrscheinlichkeit,

  • geschätzte Restlebensdauer,

  • empfohlener Wartungszeitpunkt.

7. Maßnahmenplanung

Die Ergebnisse werden an Instandhaltung, Produktion oder Betriebsführung weitergegeben.

Wartung kann dadurch geplant werden, bevor ein ungeplanter Stillstand entsteht.

Welche Sensoren werden eingesetzt?

Die Auswahl hängt von Maschine und Fehlerart ab.

Schwingungssensoren

Schwingungssensoren gehören zu den wichtigsten Werkzeugen der Zustandsüberwachung.

Sie eignen sich besonders für:

  • Lager,

  • Motoren,

  • Pumpen,

  • Ventilatoren,

  • Getriebe,

  • Spindeln.

Veränderungen im Frequenzspektrum können früh auf Unwucht, Fehlausrichtung oder Lagerschäden hinweisen.

Temperatursensoren

Steigende Temperaturen können auf Reibung, Überlastung, schlechte Kühlung oder elektrische Probleme hindeuten.

Strom- und Spannungssensoren

Die elektrische Leistungsaufnahme liefert Informationen über Belastung und Wirkungsgrad.

Ungewöhnliche Verläufe können auf mechanische oder elektrische Probleme hinweisen.

Akustische Sensoren

Mikrofone und Ultraschallsensoren erfassen Geräusche, die für Menschen kaum oder gar nicht hörbar sind.

Sie können Leckagen, Reibung oder Schäden erkennen.

Druck- und Durchflusssensoren

Diese Sensoren sind besonders relevant bei Pumpen, Hydrauliksystemen, Druckluft und Prozessanlagen.

Kraft- und Drehmomentsensoren

Veränderte Kräfte können auf Verschleiß, Blockaden oder Prozessabweichungen hinweisen.

Öl- und Partikelsensoren

Sie analysieren Schmierstoffe und erkennen beispielsweise Metallpartikel, Verschmutzung oder veränderte Materialeigenschaften.

Kameras und Wärmebildsysteme

Optische und thermische Systeme erfassen sichtbare Schäden, Temperaturverteilungen oder ungewöhnliche Zustände.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz wird eingesetzt, wenn Zusammenhänge komplex sind oder sich mit festen Grenzwerten nur unzureichend beschreiben lassen.

AI-Modelle können mehrere Messgrößen gleichzeitig berücksichtigen.

Sie erkennen beispielsweise, dass eine bestimmte Kombination aus:

  • leicht erhöhter Temperatur,

  • verändertem Schwingungsmuster,

  • steigender Stromaufnahme

auf einen sich entwickelnden Defekt hinweist.

Ein einzelner Messwert wäre möglicherweise noch unauffällig. Die Kombination liefert jedoch ein klares Muster.

Welche Verfahren werden verwendet?

Grenzwertüberwachung

Die einfachste Methode vergleicht Messwerte mit festen Grenzwerten.

Sie ist transparent und leicht umzusetzen, erkennt jedoch oft nur bereits deutlich entwickelte Probleme.

Trendanalyse

Hier wird untersucht, wie sich Messwerte über längere Zeit verändern.

Ein langsamer Anstieg kann früh auf Verschleiß hinweisen.

Anomalieerkennung

Ein Modell lernt den normalen Betrieb einer Maschine.

Abweichungen werden als mögliche Anomalien erkannt.

Dieser Ansatz ist besonders hilfreich, wenn nur wenige bekannte Fehlerfälle vorhanden sind.

Klassifikation

Ein Modell ordnet Daten bestimmten Zuständen zu, beispielsweise:

  • normal,

  • Unwucht,

  • Lagerschaden,

  • Überlastung,

  • Fehlausrichtung.

Dafür werden in der Regel ausreichend gekennzeichnete Trainingsdaten benötigt.

Regressionsmodelle

Regressionsmodelle schätzen kontinuierliche Werte.

Sie können beispielsweise Temperaturentwicklung, Verschleißgrad oder Restlebensdauer prognostizieren.

Zeitreihenmodelle

Zeitreihenmodelle berücksichtigen die zeitliche Entwicklung von Messdaten.

Sie eignen sich für Prozesse, bei denen nicht nur ein einzelner Wert, sondern dessen Verlauf entscheidend ist.

Was bedeutet Remaining Useful Life?

Remaining Useful Life, kurz RUL, bezeichnet die geschätzte verbleibende Nutzungsdauer einer Komponente.

Ein System versucht vorherzusagen, wie lange ein Bauteil noch betrieben werden kann, bevor ein kritischer Zustand erreicht wird.

Eine RUL-Prognose ist anspruchsvoll, weil sie von vielen Faktoren abhängt:

  • Belastung,

  • Umgebungsbedingungen,

  • Materialzustand,

  • Wartungshistorie,

  • Produktionsprofil,

  • zukünftige Nutzung.

RUL-Werte sind daher keine exakten Garantien, sondern Wahrscheinlichkeits- oder Schätzwerte.

Typische Anwendungen

Motoren und Antriebe

Schwingung, Temperatur und Stromaufnahme werden genutzt, um Lagerprobleme, Unwucht oder Überlastung zu erkennen.

Pumpen

Predictive Maintenance kann Kavitation, Leckagen, Verschleiß oder veränderte Betriebsbedingungen identifizieren.

Getriebe

Frequenzanalysen helfen, Schäden an Zahnrädern und Lagern frühzeitig zu erkennen.

Produktionsmaschinen

Spindeln, Führungen und Werkzeuge werden überwacht, um Qualitätsverluste und Stillstände zu vermeiden.

Windkraftanlagen

Sensoren überwachen Getriebe, Lager, Rotoren und Generatoren.

Da Wartungseinsätze aufwendig sind, ist eine frühzeitige Planung besonders wertvoll.

Schienenfahrzeuge

Räder, Lager, Bremsen und Antriebssysteme können kontinuierlich überwacht werden.

Energieanlagen

Transformatoren, Turbinen und Generatoren liefern umfangreiche Betriebsdaten für Zustandsbewertung und Prognosen.

Gebäudetechnik

Heizung, Lüftung, Kälteanlagen und Aufzüge können auf Veränderungen im Betriebsverhalten analysiert werden.

Welche Vorteile bietet Predictive Maintenance?

Weniger ungeplante Ausfälle

Probleme werden früher erkannt, bevor eine Maschine vollständig ausfällt.

Bessere Wartungsplanung

Instandhaltungsarbeiten können gezielt in geplante Stillstände gelegt werden.

Längere Lebensdauer

Bauteile werden nicht unnötig früh ersetzt, aber auch nicht bis zum vollständigen Schaden betrieben.

Geringere Kosten

Stillstand, Folgeschäden, Ersatzteilverbrauch und Wartungsaufwand können reduziert werden.

Höhere Anlagenverfügbarkeit

Maschinen können länger und planbarer betrieben werden.

Verbesserte Sicherheit

Kritische Veränderungen lassen sich früher erkennen.

Bessere Ersatzteilplanung

Benötigte Komponenten können rechtzeitig bestellt und bereitgestellt werden.

Welche Herausforderungen gibt es?

Datenqualität

Unzuverlässige Sensoren oder fehlerhafte Messdaten führen zu falschen Ergebnissen.

Fehlender Kontext

Messwerte müssen mit Betriebszuständen verknüpft werden.

Eine hohe Schwingung kann bei maximaler Last normal, im Leerlauf aber kritisch sein.

Wenige Fehlerbeispiele

Viele Maschinen fallen selten aus.

Dadurch fehlen oft ausreichend Trainingsdaten für konkrete Schadensbilder.

Unterschiedliche Maschinen

Ein Modell, das für eine Maschine funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf eine andere übertragen.

Fehlalarme

Zu viele Warnungen senken die Akzeptanz.

Mitarbeiter beginnen möglicherweise, Meldungen zu ignorieren.

Verpasste Fehler

Ein System darf kritische Defekte nicht übersehen.

Die Balance zwischen Sensitivität und Fehlalarmrate ist daher entscheidend.

Integration

Die Ergebnisse müssen in bestehende Wartungs- und Produktionsprozesse eingebunden werden.

Eine Warnung allein schafft noch keinen Nutzen.

Wirtschaftlichkeit

Nicht jede Maschine benötigt ein komplexes Predictive-Maintenance-System.

Bei günstigen oder unkritischen Komponenten kann eine andere Strategie sinnvoller sein.

Edge AI oder Cloud?

Predictive Maintenance kann lokal oder zentral umgesetzt werden.

Edge-Verarbeitung

Direkt an der Maschine werden Daten gefiltert und erste Analysen durchgeführt.

Vorteile sind:

  • schnelle Reaktion,

  • geringere Datenübertragung,

  • Betrieb ohne dauerhafte Cloud-Verbindung,

  • bessere Kontrolle sensibler Betriebsdaten.

Cloud-Verarbeitung

Cloud-Plattformen eignen sich für:

  • langfristige Datenspeicherung,

  • Vergleich vieler Maschinen,

  • Modelltraining,

  • standortübergreifende Analysen,

  • zentrale Überwachung.

Hybrider Ansatz

In vielen Anwendungen ist eine Kombination sinnvoll.

Das Edge-System erkennt lokale Anomalien. Die Cloud analysiert langfristige Trends und vergleicht mehrere Anlagen.

Wie startet ein Predictive-Maintenance-Projekt?

Der erste Schritt sollte eine klare Auswahl des Anwendungsfalls sein.

Geeignet sind Maschinen, bei denen:

  • ein Ausfall hohe Kosten verursacht,

  • genügend Sensordaten verfügbar sind,

  • der Verschleiß messbare Veränderungen erzeugt,

  • Wartung planbar ist,

  • ein wirtschaftlicher Nutzen erkennbar ist.

Danach sollten folgende Fragen geklärt werden:

  • Welche Fehler sollen erkannt werden?

  • Welche Messgrößen verändern sich vor einem Ausfall?

  • Welche Daten stehen bereits zur Verfügung?

  • Welche zusätzlichen Sensoren werden benötigt?

  • Wie wird ein Alarm bewertet?

  • Welche Maßnahmen folgen aus einer Warnung?

  • Wie wird der Erfolg gemessen?

Ein Pilotprojekt mit einer klar begrenzten Maschine ist häufig sinnvoller als ein sofortiger Rollout über einen gesamten Standort.

Die Rolle des Fachwissens

Predictive Maintenance ist nicht nur ein Datenprojekt.

Das Wissen von Instandhaltern, Maschinenbauern und Prozessingenieuren ist entscheidend.

Sie kennen:

  • typische Fehlerbilder,

  • kritische Komponenten,

  • Betriebsgrenzen,

  • Wartungshistorien,

  • ungewöhnliche Geräusche,

  • relevante Prozessbedingungen.

AI kann dieses Wissen ergänzen, aber nicht vollständig ersetzen.

Die besten Systeme verbinden Datenanalyse mit praktischem Maschinenverständnis.

Predictive Maintenance und Industrial AI

Predictive Maintenance ist einer der wichtigsten Anwendungsfälle von Industrial AI.

Es verbindet:

  • Sensorik,

  • Zustandsüberwachung,

  • Datenanalyse,

  • Machine Learning,

  • Edge Computing,

  • Instandhaltungsprozesse.

Dadurch entsteht ein direkter wirtschaftlicher Nutzen.

Die Technologie zeigt besonders deutlich, wie AI mit realen Maschinen und physikalischen Prozessen zusammenarbeitet.

Fazit

Predictive Maintenance macht Wartung zustandsabhängig und vorausschauend.

Sensoren erfassen Veränderungen an Maschinen, während AI- und Analyseverfahren daraus Hinweise auf Verschleiß und mögliche Ausfälle ableiten.

Der größte Nutzen entsteht dort, wo Ausfälle teuer sind, Zustandsveränderungen messbar werden und Wartungsmaßnahmen rechtzeitig geplant werden können.

Erfolgreiche Systeme benötigen jedoch mehr als einen Algorithmus. Entscheidend sind hochwertige Daten, passende Sensoren, technisches Fachwissen und eine klare Einbindung in den Instandhaltungsprozess.

Predictive Maintenance ist deshalb kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, um Verfügbarkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit industrieller Anlagen gezielt zu verbessern.

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